Schriftliche Quellen aus dem Hochmittelalter

    • Offizieller Beitrag

    Ich formuliere meine Frage aufgrund von Zeitdruck mal nur kurz, aber es interessiert mich gerade brennend. :D


    Wir haben ja mittlerweile zwei Historiker im Forum (von denen ich weiß), daher hoffe ich auf eine Antwort aus erster Hand ^^


    Wie ist das denn mit schriftlichen Überlieferungen aus unserer Zeit. Also speziell aus der ersten Hälfte des 12. Jhd. Was gibt es denn da so?


    Ich weiß, dass es im 13. Jhd einen rasanten Anstieg an überlieferten Texten gibt, aber was hat man so in den Archiven aus dem 12. Jhd? Und wie viel gibt es da? Gibt es überhaupt originale Dokumente aus unserer Zeit? Und wenn ja, worum handelt es sich dabei?


    Ich hoffe, meine Frage ist nun nicht zu komliziert. :)

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    Seine fürstliche Gnaden Guillaume de Bures, Fürst von Tiberias und Herr von Jericho
    Ehemann der Catherine de Grenier
    Adliger von Jerusalem
    Ritter

  • Wer sind denn diejenigen? :D


    Und meinst du damit präzise Dokumente aus dem christlichen Bereich, also Europa und Kreuzfahrerstaaten, oder ist das weiter gefasst, wenn man über sowas spricht meint man ja eher selten Dokumente aus dem fernen Asiatischen Raum, selbst arabische Stücke sind meist nicht gemeint, willst du das also ganz allgemein wissen oder zielst du auf einen bestimmten Bereich ab aus dem die Schriftstücke kommen? :)

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    Ehrwürdiger Bruder Frédéric de Milly, Bruder des Templerordens
    Laienbruder der römisch-katholischen Kirche
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  • Ich nehme mal einen Raum an, der für Kreuzfahrer relevant sein könnte, also durchaus arabisch und fränkisch. ^^
    Asien ist ja nun wirklich absolut nicht vergleichbar. :)

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  • Okay, ich müsst mich zwar für genauere schlau machen, aber erstmal allgemein gesagt gibt es durchaus Dokumente aus dem 12 Jahrhundert ja, ich würd jetzt aus meinem Gefühl her raus sagen sogar gar nicht so wenige, aber hauptsächlich Latein hier halt, Französisch hab ich mal eins gesehen aus der Zeit, insofern muss es das auch geben, aber ich schätze da wird nicht viel sein, da war wohl eher Latein unterwegs :)


    Konkret wüsste ich gerade die Geschichte des Erzbistums Hamburg, jetzt frag mich wie das auf Latein nochmal hieß, kA grad :D aber da weiß ich das die älteste erhaltene Abschrift davon um 1100 datiert war, auch recht bekannt weil es ein sehr bedeutendes Werk ist was Nordeuropa zur damaligen Zeit angeht (11 Jahrhundert) und die erste Erwähnung Amerikas, als von den Wikingern entdecktes Vinland, wobei da viel Mist drin steht, aber Werke aus der Zeit sind eh immer mit Vorsicht zu genießen :D


    Insofern, geben ja, unter anderem setzte ja die Übersetzung von Schriften aus dem arabischen ins lateinische im 12 Jahrhundert ein, ob nun aber "viel", schätze das kommt auf die Definition von viel an, ich würd es wohl nicht als viel bezeichnen, aber total wenig isses auch irgendwie nicht ^^

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  • Für die Geschichte der Kreuzfahrerherrschaften ist Wilhelm von Tyrus die erzählende Quelle. Durch Amalrich I. angeregt begann er um 1167 einen Tatenbericht des Königs zu schreiben. Dieses Werk unterbrach er dann 1170 um einen historischen Abriss der Kreuzfahrerherrschaften beginnend beim ersten Kreuzug zu verfassen. Bis 1182 hatte er seine beiden Werke so weit überarbeitet, dass sie sich zu einer kontinuirlichen Erzählung zusammen fügten. Seine Chronik weist einige Ungeneauigkeiten auf und da er selbst in die politischen Ereignisse seiner Zeit involviert war, beschönigt er gewisse Passagen, um sich selbst ins rechte Licht zu rücken. Trotzdem gehört sein Werk zu den wichtigsten Quellen der Kreuzzugsgeschichte.


    Auf muslimischer Sicht ist vor allem Ibn al-Athir zu nennen, der 1160 in Cizre geboren wurde. Sein bedeutenstes Werk ist "Die vollständige Geschichte" eine Universalgeschichte der muslimischen Welt, die bei der Schöpfung ansetzt und bis ins Jahr 1232 berichtet. Eine erste Fassung dieses Werkes entstand gegen Ende des 12. Jahrhunderts und wurde dann zwischen 1223 und 1231 um jüngere Ereignisse ergänzt.


    So viel mal für den Anfang. Diese beiden Quellen hatte ich am schnellsten Parat, weil ich gerade selber mit denen Arbeite. Es gibt auch noch eine anonyme Fortsetzung der Chronik Wilhelms von Tyrus in Altfranzösisch, die jedoch erst die späteren Ereignisse rund um den Fall Jerusalems abhandelt. Speziell zum ersten Kreuzzug gibt es auch ein oder zwei Chroniken. Dann hatte ich kürzlich einen Artikel in der Hand, wo es um das Kanzlei- und Archivwesen in den Kreuzfahrerherrschaften ging. Aber den müsste ich mir noch einmal genauer anschauen.

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    Ritter, Seneschall von Jerusalem

  • Ich hatte es jetzt vor allem so verstanden das es um originale Dokumente aus der Zeit geht, was doch wesentlich niedriger anzusiedeln ist, weil die meisten Sachen nichtmehr in Originalform vorhanden sind sondern zumeist spätere, erweiterte Abschriften, was zB Wilhelm von Tyrus angeht ist soweit ich weiß kein Original erhalten? Weiß ich grad bei der Chronica garnicht, wobei die ja bis ins 13 Jahrhundert erweitert wurde, wo er längst tot war aber die Chronik des dritten Laterankonzils zum Beispiel ist soweit ich weiß nicht erhalten.


    Was Ungenauigkeiten angeht, so ziemlich alles aus der Zeit weißt ja nu Ungenauigkeiten auf, Wilhelms Ausfzeichnung sind dazu halt noch "geschönt", aber allgemein handelt die den Zeitraum ab 1095 oder so ab und er selber ist erst, ich glaub 1130 rum geboren ^^, das sind ma gut 35 Jahre die er Erzählt die vor seiner Geburt stattgefunden haben, von seinem Aufwachsen und studium etc ganz zu schweigen, da müssen ja Ungenauigkeiten entstehen ^^


    Wäre die Frage, erhaltene Quellen aus der Zeit gibt es zwar auch nicht "viele", aber doch wesentlich mehr als tatsächlich erhaltene Originaldokumente die auch zu dieser Zeit geschrieben wurden und nicht kopiert sind.

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  • Puh, das ist mal ne weit gefasste Frage, ich hoffe, dass ich da was beitragen kann ^^


    Erst einmal zu „zeitgenössischen“ historischen Texten, Romains beiden Texten (danke für den Tipp wegen Al-Athir übrigens, den werde ich mir zu Gemüte führen!) muss ich da noch die „Überlegungen“ von Usama ibn Munqidh (geschreiben um 1190) und die Alexiade von der byzantinischen Prinzessin Anna Komemne (geschrieben um 1150) hinzufügen. Beide beschreiben unsere Zeit und die Geschehnisse um die Kreuzzüge und die Kreuzfahrer; Usama aus muslimsicher Sicht, Prinzessin Anna aus byzantinischer Sicht. Beide sehr empfehlenswert.


    Aber da dies noch Zukunftsmusik ist, denke ich nicht, dass das deine Frage beantwortet, was denn in mittelalterlichen Archiven so rumliegen könnte :)


    Vielleicht ist es ganz praktisch, wenn ich da auf die verschiedenen Sprachen eingehe. Eine Kreuzfahrerbücherei stelle ich mir nämlich als recht multilingual vor ^^


    1. Französisch und Okzitanisch: hier gab es noch sehr, sehr wenig Geschriebenes. Ein paar frühe Troubardour-Liedtexte, sowie ein paar Sagen. Mit Sicherheit gab es schon niedergeschrieben die Roland-Sage, sowie auch eine frühe Form von „Reineke Fuchs“ (Renard le Goupil). Es ist auch möglich, dass schon eine frühe Form von Tristan und Isolde herumgeschwirrt ist. Dass es Sachtexte in der „Vulgärsprache“ gegeben hat, bezweifle ich.
    2. Italienisch: Italienisch hatte schon so was wie eine Literaturtradition; Gedichte und Geschichten wurden schon in der Landessprache geschrieben. Beliebt als Helden in solchen Geschichten waren oft antike Herrscher wie Julius Caesar und Alexander der Große. Es gab auch schon italienische Troubadoure, die ihre Texte niederschrieben.
    3. Latein: hier wird es schon interessanter. Register, öffentliche Briefe, Edikte und sonstiges offizielles Zeugs gab es nur auf Latein – offizielles Zeugs wurde erst ab 1200 auch in der Landessprache abgefasst. Zudem gab es zeitgenössische Texte, wobei die meisten davon eher theologisch waren. Juristische Schriften auf Latein gab es nur spärlich – erst ab 1140-1150 würde ein Boom von juristischer Literatur einsetzen (mit Zentrum in Bologna). Medizinische Trakte, zB Trotula, gab es auch schon auf Latein. Allerdings waren auch noch antike Texte bekannt, zB Sueton, Cicero, Caesar, Vergil und alle anderen Großen. Es gab auch Handfesteres – die wichtigste Schrift über das Militär, „De Re Militari“ von Vegetius, einem spätantiken Feldherren, sollte in der Bibliothek keines Warlords fehlen ^^
    4. Arabisch: seit 750 gab es das „goldene Zeitalter des Islams“, und damit verbunden war ein Boom von arabischen Büchern – über Wissenschaft, Philosophie, Medizin, militärische Angelegenheiten usw. Berühmte Autoren waren Avicenna, Al-Khwarizmi, Al-Ghazali, usw. Es gab auch viel auf Arabisch, welches aus dem Persischen übersetzt worden ist.
    5. Griechisch: im byzantinischen Reich boomte die Literatur ähnlich wie in der Welt des Islams, und es gab einen Haufen Literatur. Da dies die alphabetisierteste christliche Gesellschaft überhaupt war, viele Griechen im Königreich Jerusalem lebten, griechisch eine wichtige Sprache der Verwaltung und des Handels war, und griechisch sowohl für die christliche wie auch die muslimische Elite eine Bildungssprache war, nehme ich schon an, dass viel in einer Kreuzfahrerbibliothek auf Griechisch war. Es gab hier nützliche Bücher – Geschichtsschreibung, Philosophie, Verwaltung usw. Mir fällt auch die Taktika ein von Leo dem Weisen – ein fast komplett umfassendes militärisches Handbuch.
    6. Armenisch: auch die Armenier pumpten Bücher heraus, allerdings in weniger großen Umfang als die Griechen. Das Fürstentum Kilikien war ein Zentrum der Bücherherstellung, und sicher ist einiges davon auch nach Jerusalem gesickert :)


    Wenn ihr wollt, könnte ich eine Liste von Büchern zusammensuchen, welche zusammen eine gut bestückte Beispielbibliothek in den Kreuzfahrerstaaten in den 1130er-Jahren darstellen hätte können :)


    Ich wäre auch extrem interessiert an Romains Artikel über das Kanzlei- und Archivwesen im Königreich Jerusalem, ich glaube das wäre unglaublich hilfreich :)

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    Seine Seligkeit Gregor von Brandis, Patriarch von Jerusalem, Baron von Nazareth
    Bischof der römisch-katholischen Kirche
    Patriarch von Jerusalem

  • Leider habe ich den Artikel zum Archiv- und Kanzleiwesen gerade nicht zur Hand, aber ich werde sehen, dass ich wieder dran komme. Und jedem, der sich näher mit Quellen Rund um das Thema Kreuzzüge befassen möchte, kann ich die englische Reihe Bitte melden Sie sich an, um diesen Link zu sehen. ans Herz legen. Die Reihe ist wirklich gut aufgemacht und bietet neben westlichen Texten auch einige muslimische Quellen in Übersetzung. Und nein, dass ist keine Schleichwerbung. Ich steh bei denen nicht auf der Gehaltsliste. :D


    Was die Sprachen angeht, kann ich eigentlich nichts mehr hinzufügen, dass hast du schon sehr schön auf den Punkt gebracht. Vielleicht noch, dass Itallienisch bzw. Französisch zu unserer Zeit noch weitaus größere Ähnlichkeiten aufwiesen, als es heute der Fall ist. Ich musste mich letztlich mit einer altfranzösischen Quelle herumärgern. Das hat auf mich gewirkt, als ob sich der Autor nicht recht entscheiden konnte, ob er nun Latein oder Französisch schreiben wollte. Schrecklich!


    Die Überlieferungsgeschichte so mancher Texte ist übrigens hoch interessant. So interessant, wie der Inhalt der Quellen selbst. Wie es Fréderic schon angedeutet hat, liegen uns von vielen Quellen nicht mehr die Originale vor, sondern Abschriften aus späterer Zeit. Die mittelalterlichen Schreiberlinge musstem sich nicht mit Copyright oder Plagiatsvorwürfen rumärgern, sondern konnten munter abschreiben und ganze Passagen für ihre eigenen Werke übernehmen. Manchmal haben sie dann tatsächlich den Ursprung angegeben und manchmal Verrät sie nur der unterschiedliche Stil des Geschriebenen. Und bei vielem Annalen oder Chroniken lässt sich sowieso kein einzelner Verfasser festmachen. Die wurden einfach fortgesetzt. Bisweilen ist diese Praxis für Historiker jedoch ein echter Glücksfall, da so wenigstens Fragmente von Werken erhalten blieben, von denen man ansonsten nichts vorliegen hätte. Auch einige Briefe liegen uns nur deswegen vor, weil man sie in historiographische Werke eingebettet hat.

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