Soll jetzt keine wissenschaftliche Abhandlung sein, nur ein grober Überblick. Ich bin in dieser Thematik auch weiß Gott kein Experte, aber ich habe schon mit verschiedenen Leuten per PN drüber gesprochen, da es mir in wirklich jedem Rollenspielforum immer wieder auffällt, wie viele ID's Lesen und sogar Schreiben können.
(Meine ID's waren auch häufig in diesen Dingen sehr bewandert, bis ich mich mal eingehender informiert habe. ^^)
Ich möchte hier eher oberflächlich auf das Thema eingehen und das Wissen nur insofern vermitteln, wie es für das Rollenspiel notwendig ist. Bin gern für Kritik und Quellen offen, die mich und meine Meinung wiederlegen, aber ich denke, weitestgehend sollte unten stehendes schon stimmen:
Allgemeines
Eigentlich kann im Mittelalter niemand als die Geistlichkeit Lesen und Schreiben. Eigentlich. Niemand musste es können, denn es wurde nur sehr wenig schriftlich festgehalten, was heute für uns als selbstverständlich gilt und für Nachrichten sandte man Boten. Es gab Ausnahmen und durchaus war auch der eine oder andere Adlige dazu imstande, etwas mühsam zu entziffern und seine Unterschrift unter Dokumente zu setzen - aber selbst für sowas gab es damals Schablonen und eben die Siegelringe, die Unterschriften weitestgehend hinfällig machten.
Eben weil kaum wer schreiben konnte und keiner einen Sinn darin sah, etwas so Unnötiges zu lesen.
Das geschriebene Wort für Franken war Latein, die Sprache des Klerus, und natürlich gab es keine Rechtschreibung. Es wurde so geschrieben, wie es richtig klingen würde. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es, grad zu unserer Zeit, noch kein geschriebenes Französisch o.Ä. gab, das heißt, wenn eine ID lesen und schreiben kann, sollte sie automatisch auch Latein beherrschen (hierauf gebe ich allerdings nicht Brief und Siegel). Die Schrift wurde durch den Klerus sogar als Machtinstrument genutzt.
Eine logische Hinterfragung für Jedermann: Wenn mehr als nur wenige vereinzelte Adlige lesen konnten, warum konnte dann die Bibel mehrfach interpretiert werden, je nach Priester, ohne dass es auch nur einen Menschen gab, der dies mit Vehemenz hinterfragt wurde? Der Prozess wurde erst viel später in Gang gesetzt.
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ZitatDie Schrift galt aus der Sicht des Klerus bald als etwas Privilegiertes und war ein Machtinstrument kirchlicher Politik. Die Mönche betrachteten ihre Schrift- und Kopierarbeiten als Gottesdienst und deshalb sollte die Schriftkompetenz auch nur Ihnen zustehen. Erst im Spätmittelalter veränderte sich diese einseitige Entwicklung: Die Schrift wurde pragmatisch und zum Alltagsgut. Im 13. Jahrhundert wurde die Technik der Schrift beispielsweise genutzt, um ein einheitliches rechtliches System aufzuzeichnen. Das Gewohnheitsrecht eines bestimmten Gebietes wurde dabei in volkstümlicher Sprache aufgezeichnet. Eike von Repgow verfasste den Sachsenspiegel, eine der bekannteren frühen mittelalterlichen Rechtsschriften.
Die vorherrschende Schriftsprache des Mittelalters war Latein. Erst im Spätmittelalter wurde die „lebende Sprache“ schrift- und buchfähig. Laien wurden lesefähig und lesewillig und schrieben selbst in ihrer Muttersprache, auch wenn Kaufmannsbücher, Handelsakten, Urkunden und Stadtchroniken noch bis gegen Ende des 14. Jahrhunderts überwiegend lateinisch geschrieben wurden. Laien- und Lohnschreiber, die in Zünften organisiert waren, machten dem „klösterlichen Buchmarkt“ harte Konkurrenz. Die entstandenen Werke waren immer mehr für Laien bestimmt. Innerhalb der Universitäten blieb jedoch Latein die Wissenschaftssprache des Abendlandes. Abschlussarbeiten mussten sogar bis ins 18. Jahrhundert lateinisch verfasst werden.[4]
Wir befinden uns im 12. Jahrhundert, dementsprechend wird noch nicht einmal das geltende Recht unbedingt schriftlich niedergelegt sein. Briefe, kleine Botschaften und Notizen können eigentlich komplett aus dem Rollenspiel gestrichen werden. Das ist ja sonst wie eine Geheimschrift.
Versender solcher Dinge sind schon wirklich erstaunlich, doch wenn auch noch jeder Empfänger lesen & schreiben kann... Respekt. Abgesehen davon sind sowohl Pergament als auch Tinte ziemlich teuer (Sind ja auch mühsam hergestellte Farbpigmente, dazu kann ich auf Wunsch gern auch noch etwas schreiben.).
Meine ID's
Ich für meinen Teil habe Bolka ja aus einer anderen Zeit in dieses Forum geholt, die ist ja ursprünglich aus dem 14. Jahrhundert. Selbst dort ist Lesen und Schreiben noch nicht weit verbreitet, nicht einmal im Adel. Sie hat einen Bruder, der ist Mönch und der hat es sie in seiner Toleranz über Jahre hinweg gelehrt. Darum kann sie es. Ich habe es dabei belassen, weil ich sie als eine außergewöhnlich intelligente und gebildete, dennoch aber merkwürdige Person schreiben möchte. Eine Ausnahme, die ich mir selbst zugestanden habe, weil die ID schon recht alt ist.
Melisende lasse ich lesen, weil sie bald neben Fulko die höchste Instanz des Reiches ist und so viele Spieler ihre ID's Lesen und Schreiben lassen. Ich wollte nicht, dass grad die Regentin als "blöd" gilt - lieber wäre es mir anders gewesen. Sie hat ja die klerikale Kanzlei, ich denke, ich werde es auch beim Lesen belassen und das Schreiben können streichen.
Ansonsten kann keine männliche oder weibliche ID von mir schreiben.
Leitfaden:
Wer lesen kann: Der Klerus/1. Stand, der häufig auch Sekretäre der Adligen stellen, die eben das Schriftliche übernehmen. Vielleicht ein paar männliche und weibliche Adlige, wenn sie dafür einen wirklich guten Grund haben. Das gleiche gilt für wirklich große, bedeutende Händler...
Wer sicher nicht lesen kann: Alle anderen. Der Löwenanteil des Adels nicht (nicht einmal Könige), Bürger nicht, Handwerker nicht, Bauern und alles andere einfache Volk nicht, Sklaven sowieso nicht.
Zu was nutzte man die Schrift?
Hier kann ich jetzt eher nur mutmaßen. Wichtige historische Daten wurden durch Mönche niedergeschrieben, die Bibel und vielleicht auch für wirklich wichtige und geheime Botschaften, die man einem einfachen Kurier nicht mündlich anvertrauen wollte - unter höheren Herrschaften und Geistlichen. Ab und zu vielleicht auch für Lagerlisten/Bestandsaufnahmen in größeren Burgen, Befestigungsanlagen, etc.
Zu was nutzte man die Schrift eher nicht?
Private Briefe, Notizen, Geschichten, Einkaufslisten, Schichtpläne, "Unterricht" (fand verbal statt)... Die Liste ganz sicher noch ergänzt werden, das sind nur die Punkte, die mir spontan eingefallen sind.
Schlusswort
Ich fände es toll, wenn man das hier ein wenig ins Rollenspiel einbinden könnte.
Romane/Sagen/etc. gab es zu unserer Zeit ohnehin noch gar nicht schriftlich. Bitte bedenkt immer, dass wir in einer eher mündlich organisierten Welt "leben" und spielen.
Ich wollte hiermit auch niemanden großartig belehren, aber ich fände es schön, wenn wir in diesen "Wissensstand" ein wenig mehr Einheitlichkeit reinbringen könnten und so jeder mal einen Überblick gewinnen konnte.
Wie gesagt, ich bin selbst eher ein Laie, wer grobe Schnitzer findet, darf mich gern korrigieren.