Geschätzte 100 Schritte würde sein Pferd noch laufen müssen, dann hätte er es bis zum Anwesen des Barons von Oultrejordain geschafft. Diese Distanz fühlte sich erheblich größer an, als die vielen Meilen in der Woche, die er mit seinen beiden Waffenknechten auf der Straße hinter sich gebracht hatte. Das hier war keine gewöhnliche, räumliche Distanz, sondern der Weg in ein völlig neues Leben. Nichts würde mehr wie vorher sein und vor genau dem Eintritt dieser Erkenntnis fürchtete sich Guy ein wenig. Die Grundvoraussetzungen seines Schicksals veränderten sich nicht, er würde weiterhin der Zweitgeborene eines Zweitgeborenen bleiben und niemals zu Land oder Einfluss gelangen. Er würde stets im Schatten seines älteren Bruders leben, der von seinem Vater wohl ebenfalls nicht viel erben konnte, welcher nämlich das gleiche Schicksal der Bedeutungslosigkeit teilte. Sicherlich waren sie alle nicht so unbedeutend wie all die einfachen Menschen auf den hiesigen Straßen der Stadt, aber aus ihnen würden eben auch keine Barone werden, vermutlich nicht einmal Herren. Das Beste, was er aus erblicher Sicht werden konnte, war ein Ritter. Diesen Weg unter der Aufsicht des Barons von Oultrejordain zu beschreiten, war immerhin nicht die schlechteste Aussicht. Er galt als ein ehrbarer Mann, der einen nennenswerten Einfluss besaß und Guy versprach sich durchaus einiges von der Ausbildung.
Trotzdem war er schrecklich aufgeregt. Er hasste Veränderungen, fürchtete sie gar. Er konnte es nicht gut leiden, wenn Dinge auf ihn zukamen, die er nicht einschätzen konnte. Überraschungen konnte er gleich gar nicht leiden. Hinter diesem Tor dort verbarg sich eine vollkommen neue Welt. Fremde Menschen, fremde Räume, fremde Regeln. Es würde alles fremd sein und so erfolgsversprechend all das auch aussehen mochte, war er fast geneigt, den ganzen Weg wieder heimzureisen um sich in die dortige Sicherheit zu begeben. Er fürchtete sich nicht vor Kämpfen oder Herausforderung. Nur vor Neuem. Gab es denn überhaupt Furchtbareres? Als die völlige Ungewissheit?
"Herr?" fragte Gisbert ihn mit vorsichtiger Stimme, woraufhin Guy nur etwas ungeduldig abwinkte. Er wusste schon, dass er gleich weiterreiten musste und die Sorgen dieses Mannes wollte er überhaupt nicht hören. Sorgen machte er sich selbst schließlich schon genug. Nervös steckte er sich den Finger in den runden Saum seiner Tunika und zupfte daran herum, um scheinbar besser Luft zu kriegen. Der Stoff hatte seinen Hals nicht einmal berührt, doch fühlte er sich eingeschnürt wie an einem Galgen. Er atmete tief ein und aus, um die drohende Panik zu bewältigen und trieb seinem Pferd dann die Knie in die Seiten, damit es weitergehen mochte. Wurde ihm etwa schwindlig? Nicht doch...
"Ihr könnt gehen." forderte er die beiden Männer mit freudloser Stimme auf. "Aber Herr, wir gaben Eurem Vater unser Wort, dass..." - "Ich weiß, ich habe es gehört. Ich gehöre nicht zu den minderbemittelten Menschen dieser Welt. Geht jetzt, ihr seht doch, dass ich sicher am Ziel angekommen bin, die restlichen Schritte schaffe ich aus alleine." meinte er mit gereizter Stimme, woraufhin die beiden Männer sich ein wenig ratlos ansahen und anschließend mit den Schultern zuckten. "Gut, Herr. Wir wünschen Euch..." - "Ja, ist schon gut. Lebt wohl." unterbrach er die Abschiedsfloskel, für die er nun wirklich keine Nerven hatte. Schon seine Mutter hatte ihn vergleichsweise theatralisch verabschiedet und das brauchte er jetzt nicht auch noch von den beiden gestandenen Männern. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie sich die beiden zurückfallen ließen und vermutete wohl, dass sie hinter ihm wieder drehten und davonreiten würden. Gut so. Er konnte keine Beobachter brauchen. Es war vernünftig gewesen, sie mit in die Heilige Stadt zu nehmen, doch hier brauchte er sie nicht mehr. Er musste seinen Weg allein gehen.
"Puh..." murmelte er leise, strich sich durch das brauen Haar und prüfte noch einmal, ob sein Mantel vernünftig saß, das Kurzschwert an seiner Seite gescheit aussah und ihm auch kein Schweiß auf der Stirn stand. Dann stand er schon vor der Wache am Tor des Seneschalls Ihrer königlichen Hoheit und verkündete mit kräftiger und stolzer, für sein junges Aussehen erstaunlich erwachsen klingenden Stimme: "Gelobt sei Jesus Christus. Ich bin Guy de Brisebarre, Sohn von Guy de Brisebarre und begehre mit Baron Romain du Puy zu sprechen!"