Probepost
Langsam und genau las ich Wort für Wort des Briefes, der Chastel Neuf am Morgen erreicht hatte. Abgesehen davon, dass ich nicht gerne las, war ich auch nicht der beste Leser. Ich konnte lesen, ja. Dennoch musste ich mich konzentrieren, um wirklich jedes Wort zu verstehen. Normalerweise überflog ich solche Schreiben nur, auch wenn sie vom Fürsten von Tiberias kamen, doch dieser Brief erschien mir direkt wichtig. Recht schnell fand ich darin Worte wie "Belagerung" und "Tyrus" wieder. Es handelte sich also nicht um die übliche Korrespondenz zwischen Vasall und Lehnsherr, wie Guillaume de Bures es für mich war. Es ging nicht um Abgaben, die ich vermeintlich unterschlagen hatte oder die den Bären, wie er allgemein genannt wurde, nicht erreicht hatten, sondern um militärische Dienste. Der Konstabler rief seine Vasallen zu den Waffen und forderte meine Lehnstreue, um gegen Yves de Candé in die Schlacht zu ziehen.
Natürlich waren die Streitigkeiten und Konflikte, die sich in den letzten Wochen und Monaten im fernen Jerusalem abgespielt hatten, nicht völlig an mir vorbeigegangen. Ich wusste, dass sich König und Königin nicht wirklich einig darüber waren , wer nun berechtigt war den Ton anzugeben. Als Außenstehender hätte ich behauptet, dass Fulko als Mann die Führung übernehmen musste. Guillaume de Bures hatte in dieser Angelegenheit ganz offensichtlich eine andere Meinung. Er stand seit jeher zu Melisende. Ob er sich tatsächlich dem alten Balduin noch so verbunden fühlte, dass er nun seiner Tochter als Schoßhund diente? Oder war es doch das Amt des Konstablers, mit dem die Königin ihn für sich eingenommen hatte? Immerhin hatte Guérin de Craon den Bären von Tiberias im Kampfe erlegt und ihm das höchste Amt des Königreiches streitig gemacht. Vermutlich war es von allem etwas. Ganz sicher war auf jeden Fall, dass ich zur Treue verpflichtet war und die mir zur Verfügung stehenden Kräfte umgehend mobilisieren musste.
Zwölf Ritter und siebzig Fußsoldaten hatte ich dem Fürsten im Kriegsfall zu stellen. Als Aftervasall konnte ich über diese Anzahl zufrieden sein, wenngleich die meisten anderen Vasallen von Tiberias etwas besser gestellt waren als ich. Ein Dorn im Auge war mir vor allem mein Nachbar, Honfroy de Toron. Nicht, weil ihm mehr Ritter oder Soldaten unterstanden, sondern weil er sich als einziger unter all den Vasallen Baron nennen durfte. Ein Titel, der auch mir ohne Zweifel gut zu Gesicht stünde. Alleine um ihn in der Gunst Guillaumes auszustechen, war es wichtig Loyaliät zu zeigen. Ich war kein Speichellecker, aber letztlich ging es doch immer darum, mehr Reichtum, mehr Macht, mehr Einfluss anzuhäufen. Ich hatte ein Lehen, mit dem ich zufrieden sein konnte und das mir glücklicherweise nicht allzu viele Schwierigkeiten bereitete. Dennoch strebte ich nach mehr. Möglicherweise war die Belagerung von Tyrus ein Glücksfall für meine Bestrebungen. Der Frieden dauerte schon viel zu lange an. Nicht der Frieden brachte große Männer hervor, sondern der Krieg. Umso entschlossener war ich nun, dem Fürsten von Tiberias zu folgen.
Ich erhob mich von meinem Holzstuhl und ließ den Brief auf dem Tisch zurück. Dann verließ ich meine Gemächer und machte mich auf den Weg zum Konstabler von Chastel Neuf, der meine Lehnsmänner über den Angriff auf Tyrus unterrichten und zu den Waffen rufen sollte.